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Mittwoch, 27. Juli 2011

Und sowas wird Lehrerin...

Seit heute, Mittwochvormittag den 27.07.2011 um 10:15 Uhr darf F. offiziell die Berufsbezeichnung 'Assessorin des Lehramts' führen. Urkunden wechselten den Besitzer, eine letzte Dienstbesprechung mußte durchgestanden werden, Dekoobst wurde massenweise vom Buffet runtergegessen.
Was nun folgt, ist das sogenannte Freizeitloch. Nach 18 Monaten mit nur halbem oder keinem Wochenende haben A. und F. erstmals wieder Unmengen an beliebig verfügbarer Zeit mit Aktivitäten zu füllen. Da weiß man gar nicht so richtig, wohin mit sich. Fest vorgenommene Zeitfresser sollen hier nun aufgeführt werden, aber Vorsicht, die Liste kann sich später beträchlich verlängern:

  • Filme mit geringem Bildungsgehalt erneut auf DVD anschauen, nachdem
  • um 14 Uhr gefrühstückt wurde, weil
  • man erst um 12 Uhr aus tiefem Schlaf erwachte.
  • Aufgeblasene Wälzer angeblicher Weltliteratur lesen, dabei
  • Eis mit Schokostreuseln zum Mittagessen verspeisen und
  • dazu Apfelsaft trinken - wohlwissend, daß das Bauchschmerzen gibt.
  • Mit dem Hund ordentlich im Wald herumsteigen, inklusive
  • enormem Dreckeinsammeln an Kleidung und Fell von Mensch und Tier.
  • Zeitfressende Papiermodelle von Videospielfiguren aus  mikroskopisch kleinen Teilen mit der Pinzette zusammenkleben
  • Videospiele spielen
  • sinnlos im Internet rumsurfen und 
  • unerschwinglich teure Technikprodukte sichten
  • die halbe Wikipedia lesen 
  • in eine Wohnung mit Heizung umziehen
Ergänzungen folgen später. Jetzt muß F. erstmal ins Bett, um 12 Uhr klingelt schließlich der Wecker.

Freitag, 5. November 2010

Blog droht zu zerfallen

Es ward still um dieses Blog. Warum? 
Weil das Land Baden-Württemberg entschied, zusätzlich zu Unterricht, Korrekturen und Planungsaufwand noch zwei volle Tage der Woche zusätzlich zu belegen, weswegen sowohl A. als auch F. ihre Zeit fast ausschließlich mit Arbeit, Schlaf, Gassigehen und Essen füllen mußten. Nicht einmal mehr für regelmäßiges Star Trek Schauen blieb Zeit. Grausam. Glücklicherweise findet dieser Zustand innerhalb der nächsten zwei Wochen allmählich ein Ende, sodaß hier wieder regelmäßig tolle Infos abzurufen sein werden.
Hier schonmal ein kurzer Vorgeschmack in Form eines Spiegeleies, das aussieht, wie ein grimmiger französischer Fernsehkommisar. In letzter Zeit ißt die F. nämlich vermehrt Eiweiß, weil ihr Körper ihr das so diktiert. Was der Körper mit all den Proteinen möchte, hat er F. noch nicht verraten. Eigentlich mag sie ja gar keine Eier, sondern verspeist viel lieber Obst. Äpfel (gegen die sie allergisch ist), Bananen (die auch machen, daß ihr Mund juckt), Orangen (nach deren Genuß sie sich nicht ins Auge fassen darf, weil dieses sonst anschwillt), Weintrauben (die sie vor dem Essen noch nicht einmal wäscht) usw. Obst ist eine leckere Erfindung, die man trotz Allergien in großen Mengen zu sich nehmen sollte, weil sonst der Stuhl ganz fest und schmerzhaft wird und der Teint vor sich hin bröckelt. Obst zuhause, Obst unterwegs, Obst am Steuer, wenn die Polizei nicht hinschaut. 
Für ganz realitätsfremde, naturentfernte Menschen gibt es jetzt sogar den 'Apple to go' (dt. 'Apfel für unterwegs'). Anders als bisher nämlich alle gedacht haben, kann man normale Äpfel nicht mal eben so einstecken und mitnehmen. Gott bewahre! Wie unsauber, unfrisch und unpraktisch wäre das denn, den Apfel einfach in die Tasche zu stecken und später zu verzehren. Der hat dann ja gleich tausende Quetschestellen an seinem zarten Apfelkörper, sabbert einem seinen Saft über die Finger und hinterläßt schlußendlich einen schwer entsorgbaren Apfelgriebs, den man stundenlang mit sich herumtragen muß, bevor sich eine geeignete Möglichkeit zum Wegschmiss bietet. Herrjemine!
Der 'Apple to go' ist ganz anders. Sauber, frisch und praktisch kommt er in einer Plastiktüte mit Serviette daher - für nur EUR 0,99! Laut Karton bleibt der Apfel in der Plastiktüte, die ihn vor widerlichen Umwelteinflüßen schützt, durch den sogenannten 'Eigeneffekt' auch noch länger saftig und frisch. Was dieser Eigeneffekt wohl ist? Tritt der bei allen Plastiktüten auf oder nur bei dieser speziellen für den tollen Apfel? 
Hätte Albert Schweitzer mal schön seine Koffertruhe samt Wagen in solch eine Tüte gesteckt, dann wäre beides durch den Eigeneffekt auch heute noch gut in Form, statt kurz vor dem Verfallen in einer Ecke des Albert Schweitzer Museums im Schwarzwald herumzustehen. Das Albert Schweitzer Museum war übrigens sehr informativ und durchaus sehenswert, wenn man mal von dem rassistischen Originalfilmmaterial absieht, auf dem der Herr Schweitzer herrschaftlich herumstehend die schwarzen Einheimischen bei der Arbeit beaufsichtigt, während ein Kommentator mit brillianter Beobachtungsgabe erzählt, wie faul und arbeitsvermeidend die 'Neger' seien. Klar, das war früher halt so. Deswegen muß man den Film der Öffentlichkeit natürlich nicht vorenthalten. Aber schriftlich daneben etwas daran herumkritteln oder sich zumindestens im Namen des ganzen Museums nachträglich bei allen potentiellen schwarzen Besuchern dafür entschuldigen - das könnte man schon. Hat man aber nicht. 
Dies trübte F.s Stimmung leicht. Die Trübung hielt aber nur so lange an, bis sie jene schönen runden Büsche im Vorgarten eines Hauses in der Nachbarschaft erblickte. "Wer solch grüne Büschchen derart herrlich rund zurechtschnippelt, kann nur ein sanftmütig beseelter Mensch sein." dachte sie bei sich. Und schwuppdiwupp, war die Stimmung wieder blendend.

Montag, 13. September 2010

Blau, liniert, dreigeteilt

Nun hat die Schule in BaWü wieder angefangen und F. wackelte heut morgen brav zur Dienstbesprechung, in der ganz viel bekanntgegeben, vorgestellt und wohlwollend beklopft wurde. Danach Schlangestehen im Kopierraum mit elegantem Kopieren von 360 Seiten für die erste Woche, weil jeder Schüler danach giert zu erfahren, was wann wie bewertet wird und wie die Organisation läuft.
Wichtige Fragen sind zu klären. Braucht man in Englisch ein Heft oder einen Hefter? Welche Farbe soll der denn haben? Geht blau (25 Schüler nicken zustimmend)? Kann ich auch grün nehmen (5 Schüler blicken bittend)? Welche Unterteilung soll drin sein? Möchten Sie liniertes oder kariertes Papier? Alles enorm wichtig. Am Ende entscheidet man sich für Hefter, blau, Papiersorte total rilleschnurzegal und Übungsteil, Vokabelteil, Grammatikteil.
Dann die absolute Knallerfrage des Tages: "Frau F., was kommt in den Vokabelteil?"
Mhm, mal nachdenken...Vokabeln? Oder vielleicht doch Grammatik? Das wäre ungefähr so, als würde man Geflügelfleisch kaufen wollen, das zur Verwirrung des Kunden mit 'Rinderhack' beschriftet wurde. Demnächst kommt F. in den Unterricht und verkündet auf Französisch, daß jetzt eine Englischstunde stattfindet, wenn eigentlich gerade Deutsch auf dem Stundenplan steht. Ob die Schüler das merken würden? Mit Sicherheit, weil der Englischhefter blau ist und der von Deutsch gelb.

An der Schule gibt es dieses Jahr eine Änderung. Die Schüler müssen nun in jeder großen Pause das Schulgebäude verlassen. Als dies schon entschieden war, fragte der Schulleiter bei Kollegen von anderen Schulen an, was bei Regen zu tun sei. Die anderen Schulleiter antworteten, bei starkem Regen dürften die Schüler im Schulgebäude bleiben, es habe aber seit zwei Jahren keinen starken Regen mehr gegeben. Daraus kann sicher geschlußfolgert werden, daß die Schüler nur dann nicht nach draußen müssen, wenn der Regen so heftig ist, daß die Wucht der Tropfen sie ohnehin erschlagen würde. Eventuell auch bei hühnereigroßem Hagelschlag und Temperaturen unter -20 Grad. F. findet das ausgezeichnet, eine sehr weise Entscheidung seitens der Gesamtlehrerkonferenz. Junge Menschen brauchen schließlich frische Luft und ausreichend Bewegung, um rechtzeitig die enorme Entwicklungsstufe ihrer älteren Mitmenschen erreichen zu können. Außerdem mußte F. in ihrer Schulzeit IMMER in ALLEN großen Pausen in der Kälte herumstehen, weswegen das Leiden jetziger Schüler im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit mit feurigen Lippen willkommensgeküßt werden sollte. Blöd nur, daß F. montags in der ersten großen Pause Aufsicht hat. Hoffentlich regnet es nicht.

Samstag, 29. Mai 2010

Es rappelt im Karton

Lange war Ruhe im Karton. F. wurde gefragt, warum. Hier also die Antwort: Durch sehr blöde Umstände wurde es möglich, über bestimmte Suchbegriffe F.s Blog per Google zu finden. Trotz umfangreicher Versuche, dies zu ändern, blieb der miserable Eintrag wie ein dicker Schandfleck in der vermaledeiten Suchmaschine sitzen. F. zog schon in Erwägung, das Blogschreiben ganz an den Nagel zu hängen, weil sie keine Lust hatte, auf eine neue Adresse umzuziehen. 
Manchem mag die Tragweite eines Googleeintrages nicht bewußt sein - aber als Lehrer muß man immer damit rechnen, daß Schüler und andere seltsame Wesen mitlesen. Natürlicherweise schränkt dies den eigenen Schreibstil ein und wer will schon halbgares, zensiertes Gedöns schreiben oder lesen. So kam es also, daß F. länger abstinent blieb und das Blog verwaiste. Einsam räkelte es sich in den Weiten des Internets, ungepflegt von der lieblichen Besitzerin Hand.
Damit soll nun aber Schluß sein. Es wurden zwar keine Lösungen gefunden, jedoch persönliche Überlegungen angestellt, die eine Fortsetzung des Schreibbetriebes weiterhin ermöglichen. Deswegen kann die F. nun auch berichten, daß sie sämtliche Unterrichtsbesuche für das laufende Schuljahr erfolgreich hinter sich gebracht hat und die eine oder andere drachengleiche Fachleiterin zu befriedigen wußte. Die erste Hürde im Verlauf des Referendariats ist also genommen. Oh Freude! Nun trennen nur noch ein Jahr Ausbildung, zwei bis drei Jahre Probezeit und einige Lehrproben F. von den heiß ersehnten 40 Berufsjahren im Beamtendienst ohne Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes (dafür aber sanft eingebettet in den Kreis lieber Lehrerkollegen, die schon anfangen zu tratschen, wenn man im Lehrerzimmer einmal zuviel blinzelt und die - während sie von ihren Schülern erwachsenes Verhalten fordern - sich selbst in möglichst vielen Situationen komplett daneben benehmen). Supi.
In Zukunft hier also wieder zu lesen: F.s Ergüsse und Meldungen. Angenehm.

Montag, 12. April 2010

Jetzt machen wir erstmal nichts. Dann sehen wir weiter.

Im grauen Stuttgart hat man soviel Angst vor der grünenden Natur, daß man sich dazu entschloß, die Bäume einzusperren. Das kostet einige Meter Zaun, aber hierzulande erfreuen sich die Bürger glücklicherweise großen Wohlstands. Besonders ausbruchsgefährdete Exemplare pfercht man unter unbaumlichen Bedingungen in kleinen Rundkerkern öffentlichkeitswirksam ein - als ständige Warnung für die anderen Bäume und Pflanzen. Wie man auf dem Bild sehen kann, nützt diese Maßnahme rein gar nichts. Während die eingesperrten Bäume traurig blätterlos bleiben, grünt die freie Wiese drumherum fröhlich vor sich hin, Narzissen gedeihen ungeniert. Das mahnende Beispiel der verurteilten Kameraden vor Augen, sündigen die anderen Pflanzen dennoch weiter! 
Es stellt sich die Frage nach dem Sinn der Strafe. Lassen sich gewisse, recht natürliche Handlungen unterbinden, indem man vom eigentlichen Sachverhalt losgelöste Sanktionen verhängt? Genauer gefragt: wird ein Schüler, der auf einer A4-Seite 25mal den Satz 'Ich muß pünktlich und vorbereitet zum Unterricht erscheinen.' dann zukünftig auch wirklich genau dieses tun? Falls nicht, soll man die Strafarbeit trotzdem verhängen, obwohl man weiß, daß keine Besserung eintreten wird - quasi nur um den Übeltäter 'zu ärgern'? Entscheidet man sich für genau diese Variante, löst man die Strafe gänzlich von der begangenen 'Untat' und gesteht somit selbst ein, daß Besserung nur ein Sekundärziel ist, man den Schüler und eine Änderung seines Verhaltens gar aufgegeben hat. Damit wäre man nur einen winzigen Schritt entfernt von der Totalkapitulation und der Erkenntnis, daß alle Schüler sowieso von Grund auf schlecht sind und aus dieser Phase bestenfalls herauswachsen können. Das Gute im Schüler sieht ein solcher Pädagoge nicht, viel zu sehr wird es überschattet vom omnipräsenten Potential zur Missetat seitens des Kindes.
Klingt ganz schön schwarz, nicht? Und mal ganz ehrlich, wo werden denn noch 25 Sätzchen als Strafarbeit geschrieben, wo sitzt man überhaupt noch nach für 10 Sekunden verspätetes Erscheinen oder Trinken  während der Stunde? Wo gibt es denn sowas?
In Baden-Württemberg.
Sind die Schüler dort folglich besonders brav, vergessen ihre Bücher seltener und stören den Unterricht weniger, aus bloßer Furcht vor stupider Mehrarbeit? 
Natürlich nicht.
Als Referendarin, die sich weigert, sinnlose Strafarbeiten zu verteilen, steht man dort natürlich ganz allein da. "Die Schüler erwarten das," wird einem gesagt, "die Schüler brauchen das," oder "Ohne geht es nicht," ist der Konsens. Sehr beliebt auch die Gegenfrage: "Na wie willst Du denn sonst reagieren? Du kannst ja nicht nichts machen." Natürlich kann man nicht nichts machen. Aber nur, weil einem gerade kein besserer Einfall kommt, vorerst zu einer völlig sinnbefreiten Maßnahme zu greifen, scheint selbst als Übergangslösung befremdlich. 
Man nehme einmal an, ein Terroristenteam an Bord eines Flugzeuges hätte beide Triebwerke zum Ausfall gebracht. Würde der Pilot, dem momentan keine bessere Idee kommt, die Übeltäter nun vogelgleich mit den Armen flattern lassen, obwohl er weiß, daß dies kaum die Flugeigenschaften des Vehikels verbessern dürfte? Bestimmt nicht. Hätten die umsitzenden, panischen Passagiere aufgrund der sinnlosen Maßnahme nun mehr Vertrauen in die Autorität des Piloten? Kaum.
Genauso lächerlich muß es auch auf Schüler wirken, wenn ratlose Lehrer ihnen seltsame Pauschalstrafen aufbürden, die mit der Problematik an sich nichts gemein haben. Das zehnmalige Aufschreiben einer Verhaltenvorschrift führt nicht automatisch zum Verständnis oder gar zur Umsetzung selbiger. Als die Lehrer Schüler waren, wußten sie das sicher noch. Später ging dieses Wissen während des Studiums verloren. So knallt der Mittdreißiger seiner Klasse im Ethikunterricht (!) pro Stunde zwei bis drei Strafabschreibübungen an die Backe und wundert sich schon gar nicht mehr, warum keine Wirkung einsetzt. Liegt an den Kindern. Die sind eh total verzogen. Pffft.

Samstag, 20. März 2010

Geld. Macht. Freizeit.

"Lehrer haben laut Volksmund vormittags recht und nachmittags frei."
 F. muß nun aber feststellen, daß der Volksmund ein dreckiger Lügner ist. Zwar hat man im Regelfall fachlich tatsächlich recht, der Unterricht hört jedoch an den meisten Schulen an mindestens zwei Tagen in der Woche erst um 17 Uhr auf. 
"Aber eine Unterrichtsstunde hat doch nur 45 Minuten und deswegen ist dauernd Pause!"
poltern vorwurfsvoll die hart arbeitenden Bevölkerungsschichten, welche dem Lehrer mit ihren Steuergeldern sein schönes Leben finanzieren. Sicher, wenn man das Lehrerzimmer abschlösse und mit einem Schild versähe, um all die fragenden und um Rat bittenden Schüler auszusperren und am Klopfen zu hindern, hätten zumindest jene Lehrkräfte Pause, die gerade nicht bei -10°C auf dem Schulhof ins  halbgefrorene Schnittchen beißen und Jonathan-Eugen davon abzuhalten versuchen, dem blöden Chris einen Schneeball mit kastaniengroßer Steinfüllung an die Ömme zu zimmern. Dann würde nur noch die einmal wöchentlich stattfindende Dienstbesprechung den Lehrer von der wohlverdienten Pause trennen. Dort erfährt man, daß Matthias kürzlich in den Status eines Scheidungskindes absteigen mußte, weswegen er nun zum Zwecke der realitätseinbeziehenden Traumatabewältigung die beobachtete häusliche Gewalt im Klassenzimmer nachzustellen versucht. Josephines Vater ist mit dem Ausgang der Fürsorgeverhandlung nicht zufrieden und versucht darum, im Rahmen der Schulpausen näher an seine Tochter zu gelangen. Alle Lehrer werden deshalb gebeten, den aufdringlichen Manne  auf dem Schulgelände vom Kinde fernzuhalten. Das Vorklingeln ertönt, die Erwachsenen lauschen genervt dem Schullleiter und krümeln Brötchenstücke in die mit Lehrbuch-CDs vollgestopften Schreibtischschubläden. Kurz vor Unterrichtsbeginn bildet sich wieder eine ellenlange Schlange im Kopierraum, alle hetzen in ihre Klassen.
Wenn tatsächlich um 13 Uhr Schulschluß ist, heizt man nach Hause und bereitet bis 18 Uhr Unterricht vor oder liest sich die grammatischen Sünden von 32 Sechstklässlern durch. 30 Minuten pro Aufsatz (aber nur, weil der ziemlich kurz ist) machen 16 Stunden Korrekturaufwand. Pro Klausur, pro Klasse.
Auf Klassenfahrt manövriert der Pädagoge dann 30 Vierzehnjährige durch die Weimaraner Innenstadt und versucht spätabends, die ganze Bande vor den Untiefen des Alkoholkonsums zu retten. Wird eine Schülerin schwanger, verklagt der Vater den Lehrer selbstverständlich wegen unterlassener Aufsichtspflicht. Ja will der etwa, daß man der minderjährigen Schönheit beim Akt auch noch zuschaut?!
 "Überbezahlt sind sie sowieso, gerade in den Ferien", tönt es empört von eifrigen Eltern, die auch schonmal gern das Gericht bemühen, weil sie nicht damit einverstanden sind, daß der Geschichtslehrer von gegenüber die ganzen 14 Tage Ferien auf Mallorca verbringt. Schande, Schande! Nun will F. sich keineswegs über den Beruf beschweren, den sie selbst auserwählt hat. Sehenden Auges stürzt sie ins Geschehen, die Vor- und Nachteile gut geordnet im Hinterkopf behaltend. Jedoch soll eines klargestellt werden: Wer neidvoll übermäßig hohe Bezahlung bei geringem Arbeitsaufwand zu den Vorzügen zählt hat diversen, persönlich besuchten Bildungseinrichtungen entweder erfolgreich verwehrt, positiv auf den eigenen Geist zu wirken oder gehört gar zu den Dummen. Daß das hier mal klar ist.

Dienstag, 16. März 2010

Sachsens Stolz, Autos Schmerz.

Mehr oder weniger liebevoll erinnert F. sich an den unmöglichen Menschen, der in Montréal die Scheibenwischer unsanft ihrer Nähe zum Auto beraubte. Nun passierte Ähnliches mit der alten Suzukischmette hier in der Nähe von Stuttgart - Stadt der oberen Mittelschicht ohne alternative Tendenzen. Bösartige Mistpimmelchen, wahrscheinlich zwischen 15 und 20 Jahren alt, rissen beide Außenspiegel, den hinteren Scheibenwischer und die Antenne vom Gefährt. Experten gaben als mögliche Ursache an, daß das Auto frecherweise noch über ein NOL Kennzeichen mit sächsischem Wappen verfüge. Welch unglaublicher Affront! Natürlich ist es absolut unaushaltbar, wenn wohlhabende Jugendliche in einer Kleinstadt vor Stuttgart mit einem Armeleuteauto aus dem bösen Sachsen konfrontiert werden. Die schlechtere finanzielle Situation anderer Bürger kann einen wirklich aufregen. Da muß man handeln! Was liegt also näher, als die Besitzer des Wagens durch mutiges Handanlegen davon zu überzeugen, eine Neuanschaffung beschleunigt vorzunehmen? Die Umwelt lüpft auf jeden Fall dankend den Hut. 
F. grübelt jedoch noch immer, wie um alles in der Welt die Bildung der Täter derart ausgefeilte Ausmaße annehmen konnte, daß sie tatsächlich dazu in der Lage waren, ein sächsisches Wappen zu identifizieren. Was ist da in der Hauptschule schiefgelaufen? War der Lehrer zu gut? Waren die Schüler zufälligerweise ausgeschlafen und nüchtern? Verstanden sie gar die Arbeitsanweisung der Lehrkraft und kamen so zum ungewohnten Kompetenzzuwachs? Man wird wohl auf ewig im Dunkeln tappen.
Flutendes Licht widerum drang jüngst in die Wissenslücke um das Wesen von 8. und 9. Klässlern. F. sieht es endgültig als erwiesen auch, daß auch 14 und 15jährige Jugendliche zur Gattung Mensch zu zählen sind. Dies fand sie in umfangreichen persönlichen Studien im Rahmen ihrer Tätigkeit an der Schule heraus. Zwar wäre es trotzdem stressfreier, die jungen Leute mit spätestens 13 in ein künstliches Koma zu versetzen und erst fünf Jahre später wieder zu wecken; da diese Vorgehensweise aber erheblichen logistischen Aufwand bedeutet, kann auch ein Verbleiben im Wachzustand in Betracht gezogen werden. Obwohl verzaubert und in vielerlei Hinsicht - teilweise sogar auf freiwilliger Basis - vollkommen entstellt, besitzen stark pubertierende Menschen durchaus gute Eigenschaften. Sie fördern die Genußmittelindustrie und gestalten die Weiterentwicklung von Tabakwaren und Alkohol maßgeblich mit. Sie kaufen die neonfarbenen Turnschuhe, um Platz für schönere Modelle zu schaffen. Sie rufen einem ins Gedächtnis, warum es auch gut sein kann, der fummeligen Friseuse nicht vollkommene Schnittfreiheit zu geben. Sie lassen die eigene Haut reiner und die Intelligenz größer erscheinen. Sie geben einem Anlaß, das erreichte Alter mehr als Geschenk und weniger als Verfall zu betrachten. Danke, liebe 8. und 9. Klässler! F. nimmt lieber die Sechser oder Zehner, aber sie erkennt Eure Vorzüge dennoch an. Ihr müßt Euch nicht fürchten! Der Zustand der allgemeinen Verwirrung geht meistens vorbei. Ansonsten könnt Ihr immernoch zum Fernsehen gehen... oder in die Lokalpolitik.

Dienstag, 23. Februar 2010

Müssen Arme auch wiedergekäut werden?

Unbegründete Ängste gibt es viele an der Zahl. F. zum Beispiel füttert sehr gern willige Kühe mit auf der Wiese gepflücktem Löwenzahn und weil die Viecher so schön weich sind, streichelt sie sie dann auch hin und wieder an der Wange. Keine Fütterungssession verging bisher, ohne daß F. sich insgeheim vorstellte, die Kuh könne sich schwuppdiwupp umentscheiden und statt ins leckere Grün zu beißen, der gutmeinenden Fütterin die Hand abfletschen. Da Kühe ihren Aggressionen in der Regel durch stoisches Gucken mit Glotzeblick oder wenn es ganz hart kommt auch mal mit einem herzhaften Tritt Ausdruck verleihen, ist diese Angst jedoch gänzlich unbegründet. Wer hätte denn schon einmal von einem Rindvieh gehört, das Passanten mit seinen Zähnen zu Leibe rückt? Sicher niemand. Und doch: Ein kleiner Teil in F. sieht jedes Mal, wie gelbliche Zähne in ihren sommersprossigen Arm sinken.
Oder nehmen wir das Autofahren: Auch wenn sie sich niemals etwas Verkehrwidriges zu Schulden kommen läßt, wird F. doch arg nervös, sobald ein Polizeiauto auftaucht. Sie leidet an der schlimmen Furcht, die Polizisten könnten merken, daß sie unsauber schaltet und schlecht rückwärts einparken kann. So beobachtet sie den Streifenwagen besonders scharf, obwohl noch von keinem Ordnungshüter berichtet wurde, der Fahrzeugführer auf dem Reweparkplatz probehalber in enge Lücken einzufädeln aufforderte. "Zwanzig Einparkzüge und Sie stehen immer noch 30 cm von der Bordsteinkante weg - das macht 40 Euro," schallt es leise in F.s Kopf. Eine haltlose, wie schweißtreibende Befürchtung.
Beim bevorstehenden Unterrichtsbesuch der Fachleiterin verhält es sich nicht anders, auch hier bizarre Vorstellungen unwahrscheinlicher Natur. Könnten nicht die sonst so eifrig mitarbeitenden Schüler plötzlich verstummen? Der Polylux ex- oder implodieren? Oder die Kinder beim Austeilen der Arbeitsblätter gleich der aggressiven Kuh ihre Milchzähne ins Handgelenk der Lehröse bohren? Unwahrscheinlich, aber doch nicht unmöglich. Falls es passierte, könnte man immernoch einen Blogeintrag dazu verfassen. Später also mehr.

Montag, 1. Februar 2010

O.B. nimmt die Regel da auf, wo sie passiert: im Schrebergarten.

Seit heute geht F. fast jeden Tag in die Schule und hängt mit 100 anderen Lehrern kaffeetrinkend und über die unfähigen Schüler lästernd im Lehrerzimmer ab. Dafür wird sie natürlich viel zu gut bezahlt. Richtig arbeiten müssen Lehrer eh nur bis spätestens mittags, danach ist Feierabend, zu dem man sich auf die von hart schuftenden Steuerzahlern finanzierte Ledercouch im heimischen Wohnzimmer bettet. Mit der Fernbedienung in der Hand schaut der Lehrer dann qualitativ minderwertige Sendungen an und schimpft nebenher über die Eltern, die ihre Kinder nicht richtig im Griff haben.
Blöderweise herrscht an F.s Schule verkehrte Welt. Es gibt Nachmittagsunterricht, der bis 17:15 Uhr geht und der Schulleiter waltet gewissenhaft seines Amtes. Ein Ledersofa besitzt F. schon, das gehört aber dem Vermieter. Fernseher inklusive Fernbedienung fehlen auch, weswegen sie sich mit J. auf den Sessel quetscht und dieser die Unarten der Kinderlein ins Schlappohr pustet. Da der Hund seligerweise wie immer nur Bahnhof versteht, fühlt F. sich gleich wieder an eben jene Schüler erinnert. Die Arbeit verfolgt einen überall hin!
Außer zum Gassigehen natürlich, da trifft man niemals Kinder und Jugendliche. Welcher ordentliche 15jährige geht bei diesem Wetter schon vor die Tür außer um Drogen oder neue Kleidung einzukaufen? Richtig, kein einziger. So begegnen F. und J. im Wald in der Regel nur ausgewachsene Menschen und Hundehalter. Auf der steilen Treppe den Berg hinauf läßt sich meistens gar niemand blicken. Einsam schritten die Beiden auch am Samstag dort entlang, als F.s Blick große Blutflecke im Schnee entdeckte. J. schnüffelte interessiert, schickte sich aber nicht an, vom Blute zu kosten. Kombiniere, kombiniere, es handelte sich somit wahrscheinlich nicht um Tierblut! Dafür sprach auch, daß menschliche Fußspuren vom Blut wegführten, begleitet von weiteren roten Flecken. Die Spuren verliefen bis zu einem Schrebergartentor, unter dem unmöglich ein Tier durchgepaßt hätte und gingen hinter selbigem noch an die 100 Meter weiter, bis F. sie in der Ferne aus den Auge verlor. Die roten Stellen mit Blut leuchteten weit und waren zahlreich - ungefähr alle 30 Zentimeter ein größerer Fleck.
Vor F.s innerem Augen spielten sich dramatische Gewaltverbrechen in der samstäglichen Stille der Schrebergartenanlage ab. Das Ereignis konnte noch nicht lange her sein, hatte es doch über Nacht geschneit. Sollte hier wirklich ein Bösewicht sein unschuldiges Opfer mit scharfer Klinge angefallen und im naheliegenden Garten deponiert haben? Oder hatte sich doch nur ein ältlicher Schwabe unter benachteiligender Einwirkung von Blutverdünnungsmitteln in den Finger geschnitten, während er im ertragreichen Monat Februar die ersten Zwiebeln erntete? Am Ende war hier vielleicht lediglich eine stark menstruierende, nackte Frau in hohen Winterstiefeln vorbeigeeilt - peinlich überracht von der plötzlich einsetzenden Regelblutung.
Kurz kam F. der Gedanke, mal eben nachschauen zu gehen, wo die Blutspur endete. Unbefugt in fremden Gärten herumlaufen wollte sie aber auch nicht, schon gar nicht ohne Handy. Schließlich kennt jeder die berühmte Situation in gefährlichen Filmen: Ahnungslose Person X befindet am Eingang zu Ort Y. Spannende Musik erklingt. Der Zuschauer schreit dem Protagonisten innerlich zu, er solle das verhängnisvolle Gelände doch lieber nicht betreten! Vergeblich! X ignoriert jede Warnung in Form klanglich-düsterer Filmuntermalung und latscht ins Verderben. 'Da wäre ich NIE und NIMMER reingegangen,' quäkt vorm Bildschirm besserwissend der Zuschauer. Weil F. dies im wirklichen Leben nicht passieren sollte, ging sie nicht in die Gartenparzelle. Vielleicht liegt dort nun immernoch eine Leiche, vielleicht aber auch nur kleine Tamponfolierestchen der schamgepeinigten Dame. Wissen kann man das nicht.

Samstag, 16. Januar 2010

Waidmanns Heil!


Da saß man mit 330 anderen potentiellen Beamten in einem Saale. Jeder Einzelne wurde namentlich aufgerufen und bekam eine Urkunde überreicht. Danach hoben alle die rechte Hand und schworen bei Gott feierlich auf das Grundgesetz und die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Unter den Eid kam eine Unterschrift - plauz-pardauz, schon war man auf Widerruf verbeamtet. Weder klärten die anwesenden Oberstudienräte einen vorher über die Arbeitsmodalitäten auf, noch hatte man Informationen über Urlaub, Gehalt oder Ablauf des Dienstes; kein Arbeitsvertrag mit Rechten, an den die dünnen Hände sich klammern konnten. Verwundert nahm F. auf, daß das Land Baden-Württemberg es anscheinend nicht für nötig hielt, seinen zukünftigen Bediensteten zu erklären, worauf sie sich da einließen. Donnerstags entmystifizierte ein freundlicher Mensch das Rätsel: Beamte haben keinen Arbeitsvertrag, weil alle Dinge, die ihren Dienst betreffen, im Landes- bzw. Bundesgesetz stehen. Ob Besoldung, Urlaub, Ruhegehalt (die Beamtenversion der Rente, klingt viel entspannter, nicht wahr) oder Haftungsrisiken, Sämtliches ist gesetzlich festgelegt und offiziell von jedem einzusehen. Dort erfuhr F. auch, daß ihre Besoldungsgruppe AW A13 hieß und sie später nach A13 hopsen würde. Ebenso wurde noch einmal in Länge und Breite erläutert, wie unglaublich groß der Verantwortungsbereich eines Lehrers sei, ein wenig mulmig konnte einem schon werden. Das Land prüft den künftigen Bediensteten so richtig auf Herz und Nieren, bis er sich 'Beamter auf Lebenszeit' nennen darf. Nach fünf bis sechs Jahren Studium mit erstem Staatsexamen folgen 18 Monate sogenannter Anwärterdienst, durchzogen von mehreren Prüfungen und Lehrproben. Anschließend wird man für einen Zeitraum zwischen 18 Monaten und drei Jahren Beamter auf Probe. Ist man danach noch bei bester Gesundheit und besteht die weiteren Lehrproben, stellt sich einer Verbeamtung auf Lebenszeit nichts mehr in den Weg.
Bis es soweit ist, sollte man gelernt haben, langweilig und streng zu sein, Humor abzulegen, alles besser zu wissen und mit geringem Aufwand möglichst viel Geld in Empfang zu nehmen, um dem landläufigen Bild des Durchschnittsstudienrates zu entsprechen. Das richtige Alter für derartiges Verhalten hätte F. ja dann weißgott erreicht. Mit dem Rest tut sie sich momentan noch schwer, weswegen sie auch von den Mitreferendaren mißtrauisch beäugt wird. Die finden es nämlich sehr seltsam, wenn man im Pädagogikkurs auf die Frage, warum man gern Lehrer werden möchte mit "Weil ich ein Alphatier bin und gern regieren möchte." antwortet. Die korrekte Antwort auf diese Frage lautet schließlich "Weil ich gern mit Kindern zu tun habe." oder "Weil es mir so unheimlich viel Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten." Bezaubernd. Wenn nur jenes der Referendare Bestreben wäre, dann könnten sie ja auch schwanger werden - oder Kinderarzt. Aber nein, sie entscheiden sich für den Lehrerberuf und beäugen F. argwöhnisch, wenn diese ihre Führungsqualitäten als Hauptmotivation angibt. Sicher könnte man auch Manager werden oder Oberstleutnant, denn Soldaten und Angestellte fügen sich der eigenen Autorität wesentlich williger, als Schülerinnen und Schüler. Sucht man jedoch die Herausforderung und will es wirklich wissen, stellt auch der Lehrerberuf eine Option dar. Was heißt es schon, Panzerdivisionen gegen Zivilisten führen zu können, wenn die mächtige Gefahr des Elternabends ansteht? Da kann man während des Gespräches nämlich nicht einfach mal das MG auf den Tisch legen oder ein Kärtchen mit Anweisungen für den Fall des Feindkontaktes hervorkramen. Echter Kampfgeist ist gefragt!
Das Treffen mit ärgerlichen Eltern ähnelt dem unerwarteten Wildschweinkontakt im Wald, während der Hund dabei ist. Die Bache grunzt einen drohend an, ihre Frischlinge um sich scharrend, der eigene Vierbeiner schaut interessiert, das Herz klopft, dann handelt man plötzlich festentschlossen und die Schweinemutter geht ihres Weges. Später hat man wieder allein mit den widerborstigen Jungen zu tun, die ihrer Frau Mama in Sachen Wildheit um nichts nachstehen. Den Eber trifft man zum Glück selten, denn der sitzt im Unterholz und hat mit seinen Eicheln zu tun. Waidmanns Dank!

Sonntag, 10. Januar 2010

Draußen liegt die Welt in Fetzen, laßt uns drinnen Speck ansetzen! (Fritz Eckenga)


So sind F. und A. samt J. nun nach S. umgezogen. Alle Dinge wurden mißmutig in Kisten gepackt, unter Ächzen fünf Stockwerke nach unten getragen, paßgenau in den LKW gebastelt und bei starkem Schneetreiben 550 Kilometer durch Deutschland gekutscht. Vor Ort packte man das ganze Geraffel sogleich wieder aus, bohrte zahlreiche Löcher in Wände und staubsaugte viermal. Die Wohnung ist recht schön, doch stört die Tatsache, daß sich rundherum enorm viel Stuttgart befindet. F. fühlte sich viel wohler in einer Behausung, die von allen Seiten mit Dresden oder zumindest Sachsen umgeben war. Nun jedoch heißt es Baden-Württemberg er- und überleben. Beim zufälligen Mitanhören von Gesprächen in der Öffentlichkeit stellt sich F. jetzt regelmäßig die Frage: "Ist das ein Dialekt oder ein Akzent?" Spricht der beleibte, bildungsferne Bürger in der Schlange des Hornbachmarktes eine exotische Fremdsprache oder doch nur dialektal stark entstelltes Deutsch? Muß man wirklich alle fünf Vokale und drei Umlaute der deutschen Sprache in die Artikulation des Ausdruckes 'Einsneunundneunzig' quetschen? Geht das nicht auch klarer? Anscheinend nicht.
Als F.s Vater in bestem Sächsisch Brötchen kaufen gehen wollte, prallten Welten aufeinander. Verständnislos blickte die Bäckereifachverkäuferin den guttural gurgelnden Mann an, der offenbar unter größten Schwierigkeiten versuchte, seine Bestellung hervorzupressen. Genauso irritiert vernahm der Sachse die seltsame Botschaft der Schwäbin und schlußendlich beschränkte man sich auf Zeichensprache. So soll es F. aber nicht ergehen. Große Mühe wird sie sich geben, durch klarer Worte Klang ihrem Anliegen eine leicht verständliche Stimme zu verleihen; aus unendlicher Langmut soll ihr Geist gemeißelt sein, wenn ihr Ohr die Äußerungen des Gegenübers in Empfang nimmt! Die Kommunikation wird beispiellos sanft dahinmäandern!
Ebenfalls sanft, dafür aber in großen Mengen fiel während der letzten Tage der Schnee. Die neuen Gassigehgebiete, allen voran der Wald rund um den Frauenkopf, wurden deswegen ganz in weiß erstbegangen. Um diesen Wald zu erreichen, muß jedes Mal ein recht langes 'Stäffele' bestiegen werden. Dabei handelt es sich um eine Art Trimm-Dich-Pfad mit etlichen zu überwindenden Höhenmetern und Treppen, die der Figur gut tun sollen.
Unglücklicherweise hat F. in den letzten drei Wochen durch Krankheit mehrere Kilogramm Gewicht eingebüßt und kann solch sportliche Einlagen gar nicht gebrauchen. So stand sie dann auch bei der ersten Treppenbegehung total unterzuckert am Abstieg und schaffte es nur mit Müh' und Not ins schützende Heim. Dem werten Leser und der werten Leserin, die an dieser Stelle schon den Zeigefinger heben und sagen wollen, daß es schrecklich nervt, wenn dünne Menschen lamentieren, daß sie nie zunehmen und Zitat "essen können, was immer sie möchten ohne anzusetzen" wird ohne Umschweife Recht gegeben. Jener schreckliche Brauch geht tatsächlich allen auf den Keks, vorallem weil er meistens von Menschen gepflegt wird, die in Wirklichkeit essen wie die Spatzen und nur vorgeben, einen tollen Stoffwechsel zu haben. Hier ist das aber ganz und gar anders. F.s Magen erweist sich nämlich als viel zu klein für all die Massen an Nahrung, die sie zu sich nehmen müßte, um das verlorene Gewicht wieder an ihrem Körper begrüßen zu dürfen. Drum ißt sie den lieben langen Tag fleißig, damit ständig verbrannt und umgesetzt werden kann. Sogar sonntags wird gegessen, was das Zeug hält. Wenn dann aber eine blöde Treppe in der wundervoll hügeligen Stuttgarter Landschaft herumsteht, darf mit gutem Gewissen Zorn aufsteigen! Schließlich zappelt F. sonst schon andauernd durch die Gegend. Stillsitzen müßte sie, tagein tagaus!
Dafür wird morgen Zeit sein, denn morgen findet die Beamtenvereidigung statt. Zehn Stunden lang wird vereidigt und dienstbesprochen. F. hofft zwar, daß nur tolle und hochinteressante Dinge behandelt werden, die Wirklichkeit sieht aber bestimmt genau andersherum aus. Ob Langeweile auch Kalorien verbrennt?